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Zwischen Tradition und Aufbruch: Kirchen gestalten Zukunft

 

Wie Sachs und Gössl die Zukunft gestalten wollen – zwischen Gebäudekonzepten, Ökumene und digitalem Aufbruch.

Hinweis: Der erste Teil dieses Doppelinterviews mit der Bayreuther Regionalbischöfin Berthild Sachs und dem Bamberger Erzbischof Herwig Gössl erschien in Ausgabe 78 des Magazins Echt Oberfranken.

Welche Rolle spielt die demografische Entwicklung in Oberfranken?

Gössl: In vielen ländlichen Regionen ziehen junge Menschen weg, Dörfer werden leerer. Zugleich wachsen Städte und Hochschulorte. Wir müssen überall präsent bleiben – nicht nur mit Gottesdiensten, auch mit Beratungsstellen und sozialer Arbeit.
Sachs: Abwanderung und Überalterung prägen den Nordosten unseres Kirchenkreises. In Städten sinkt der evangelische Anteil, doch Kirche und Diakonie bleiben wichtige Partner im sozialen und kulturellen Miteinander.

Viele Kirchen sind kulturhistorische Schätze – aber Sanierungsfälle. Wie gelingt der Spagat zwischen Erhalt und Finanzen?

Sachs: Die Bayreuther Epiphaniaskirche zeigt, was möglich ist: viel Engagement, Spendenbereitschaft und Gottvertrauen. Auch andernorts braucht es langen Atem und gesellschaftliches Miteinander, um Kirchen als geistliche und kulturelle Mitte zu erhalten.
Gössl: Wir haben ein neues Gebäudekonzept: Alle Gebäude werden nach Nutzung kategorisiert, Mittel gezielt eingesetzt. Das bedeutet auch, dass wir manche Gebäude aufgeben müssen – leider Gottes.

Gibt es gelungene Beispiele, kirchliche Gebäude neu zu nutzen?

Gössl: Ja, von kommunaler Nutzung bis zur Weitergabe an andere Konfessionen. In Schillingsfürst wurde etwa eine Kirche zur Mehrzweckhalle für eine Schule umgebaut – eine sinnvolle Lösung.
Sachs: Oft gelingt Vermietung an soziale Einrichtungen oder gemeinsame Nutzung. Die Coburger Lukaskirche wurde 2021 entwidmet und wird nun ein Ort für Kinder und Familien. In Bad Rodach entsteht aus einer Friedhofskirche ein zentrales Kirchenbüro.

Auch die Trauerkultur verändert sich. Was bedeutet das für kirchliche Friedhöfe?

Sachs: Kirchliche Friedhöfe kostendeckend zu betreiben, ist eine Herausforderung. Neue Formen wie Urnenanlagen oder Baumbestattungen werden angenommen. Friedhöfe können auch Lebensorte sein – etwa durch Friedhofcafés oder Seelsorgeangebote.
Gössl: Für uns bleibt entscheidend, dass die Würde des Verstorbenen gewahrt wird. Eine Grabstätte gehört zum christlichen Verständnis des Abschieds dazu.

Welche Schritte unternehmen Sie, um Kirche zukunftsfähig zu machen?

Gössl: Neben pastoralen und Gebäudekonzepten treiben wir die Digitalisierung voran – mit klaren Richtlinien, auch beim Umgang mit KI. Aber klar: Seelsorge bleibt menschlich. Meine Predigten schreibe ich selbst.
Sachs: Wir erproben neue Gottesdienstformen – etwa Tauffeste oder Aktionen wie „Einfach heiraten“. Und wir gewinnen Mitarbeitende auf neuen Wegen, durch Quereinstieg oder multiprofessionelle Teams.

Wie wichtig ist die ökumenische Zusammenarbeit?

Sachs: Sehr wichtig. Seit über zehn Jahren gestalten wir ökumenische Exerzitien im Alltag. Auch beim Religionsunterricht oder bei der Gebäudefrage arbeiten wir eng zusammen.
Gössl: Ich bin mit Ökumene groß geworden. Unterschiede gibt es, aber sie trennen uns kaum noch. Wir sind alle Christen mit denselben Sorgen und Hoffnungen. Ökumene ist heute selbstverständlich.

Welche Rolle soll Kirche künftig in der Gesellschaft spielen?

Gössl: Kirche darf moralische Instanz, sozialer Akteur und spirituelle Heimat zugleich sein – eine Einladung zu einem Leben in Vollständigkeit: mit Gott, mit den Menschen, mit sich selbst.
Sachs: Wo Kirche als sinnstiftend erlebt wird, wird sie automatisch sozialer Akteur und geistliche Heimat.

Wie gelingt es, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die sich von Kirche entfernt haben?

Sachs: Durch neue Kontaktmöglichkeiten – Klinik- und Touristenseelsorge, digitale Segensangebote oder spirituelle Orte wie die Communität Selbitz.
Gössl: Indem wir zuerst zuhören. Keine vorgefertigten Antworten, sondern offene Fragen. Und indem wir zeigen, dass Glaube lebendig ist. So können wir Brücken bauen – nicht überreden, sondern begleiten.